deutsch., written.

The Taste (of german television shit)

Ich habe einen Fehler gemacht. Ich bin sehenden Auges in mein Verderben gerannt. Ich hätte es wissen können, ja wissen müssen. Ich habe das ungute Gefühl im Bauch ignoriert, habe nicht auf die schmerzenden Augen von Beginn an gehört. Ich habe mir das Finale von „The Taste“ angesehen. So halb. Am Stück und komplett habe ich es nicht ausgehalten. „The Taste“ ist eine Wir-suchen-den-besten-normalo-der-aber-was-kann show. Drölf Kandidaten mussten sich durch elfunddreißig Runden kochen, der schwächste wurde entfernt und die anderen Glücklichen blieben solange, bis sie die schwächsten waren und entfernt wurden. So weit, so unspannend.

„The Taste“ aber sucht nicht Sänger, oder Bands, oder Supertalente (was auch immer das ist) sondern den besten Koch/die beste Köchin. Und wie findet man diese(n) besser als durch die Aufgabe, komplette Menüs auf einem Löffel zu kochen. Da kommt dann ein Happen Fisch mit einem Klecks Sauce und einem Stück Grüngarnitur auf einen Löffel, der Villeroy und auch Boch vor Scham im Boden versinken lassen würde. Unterstützt werden die Kandidaten (ich verzichte ab jetzt mal auf -innen und inninnen. Ich wechsel das einfach ab) von Köchen und einer Köchin, die Teams bilden, wohl so in etwa wie in „The Voice“, auch wenn ich mir das nie angetan habe. Mein neuseeländischer Kollege hat mir immer detaillierte Inhaltsangaben der Show geliefert, und war ganz erstaunt, dass ich die Show nicht gucke obwohl ich deutsch bin und Nena dabei ist.

Die Teamleader sind „die bekanntesten deutschen Fernsehköche“. Ich kannte nur 2 von ihnen. Tim Mälzer, Alexander Hermann, Lea Linster und Frank Rosin leiten die Kandidatinnen dabei an, einen Löffel voll Kram zu kochen. Dabei bitchen die Teamleader sich gegenseitig an, um wohl künstlich Drama zu erzeugen. Dazu meckern sie mit ihren Kandidaten und jeder Blick zum Boden wird dramatisch in Super-Slow-Motion in schwarzweiß in Szene gesetzt.   Die Show beginnt damit, dass die Kandidaten in vier Opel Cacca in die Arena gefahren werden, wo sie von der Moderatorin Chrissy begrüßt werden. Wer noch Ehrensenf kennt, kennt Chrissy. Die hat damals sehr charmant und witzig dieses kleine Webvideoformat moderiert in den Frühzeiten von Web 2.0. Ich habe mich genau so lange über das alt bekannte Gesicht gefreut, bis sie den Mund aufgemacht hat. Die Moderation war stockend, abgelesen und absolut hölzern. Kein Vergleich zur lockeren Art von früher. Naja, man wird nicht jünger, und die Miete will auch bezahlt werden. In der Not moderiert der Teufel auch „The Taste“.

Dann werden die Kandidaten in dramatisch zusammen geschnittenen Beiträgen vorgestellt. Dabei sind die Geschichten so uninteressante Standardfernsehware, dass ich alle Details schon vergessen habe. Der eine hat Koch gelernt, ist aber erst 20, die andere haut gerne auf Fleisch. Oder so. Dann kommen endlose Kameraschwenks durchs Studio.

Das Studio. Den Charme eines Bunkers in den ein halbblinder Innenarchitekt versucht hat, die „Wer wird Millionär“-Arena nachzubauen. Und dann gemerkt hat, dass irgendwie auch gekocht werden soll. Und dann ringförmig Kochinseln um das leere Zentrum angeordnet hat. Mit farbiger Beleuchtung in grün, blau, gelb und rot. Jedes Element der Küche ist beleuchtet, die Schränke, der Boden, alles. Nachdem der Kameramann dann seine Schwenksucht befriedigt hat, ist erstmal Party. Minutenlang schaltet die Beleuchtung in den Epilepsiemodus und blinkt stroboskopartig. Die Köche und Kandidatinnen stehen dabei wie blöd in der Gegend und warten, dass der Regisseur befriedigt ist.

Stroboparty im Studio

Stroboparty im Studio

Dann geht es richtig los. Die Kandidaten müssen vorgegebene Zutaten in ihre Rezepte integrieren, im Finale waren das Trüffel, Austern, Weine und Pistaziennougat. Wenn die Kandidaten dann ihren Teamleitern sagen, was sie vorhaben, sagen diese ihnen dann, was sie stattdessen machen sollen. Und so wird dann Spinat mit Spiegelei und Kartoffelpüree ebenso auf einen Löffel gekloppt wie Rehrücken auf Karottencurry mit einem Blatt Koriander. Beurteilt wird die Chose dann von einem Gastjuror, der in einem Einspieler riesengroß angekündigt wird. Der einer war ein Einkäufer für Edelkram wie Trüffel und zeichnete sich vor allem durch seine geschmacklosen Hemden aus, der andere war ein Hipstersomelier von irgendwo, der Weine mitbrachte und die Kandidaten zwang, das Essen zum Wein zu kochen. Um es dann alles in einem Rutsch runterzuspülen.

Omnom

„Danke, dass ich hier sein darf“

Das Kochen ist mehr ein hysterisches hin und her hecheln, planlos Zeug zusammenrühren und dabei immer wieder Hilfe vom Koch einzufordern. Besonders Tim Mälzer muss wie ein Puppenspieler seine Kandidaten fernsteuern, die alleine keine Sauce anrühren können. Finalisten „der größten Kochshow Deutschlands“ halt. Dabei blökt Mälzer seine Kandidaten in pseudokomischer Art an, während das Mädel Felicitas irgendwann komplett in hysterisches Kreischen übergeht. Jeder kritische Blick triggert super-slow-mo, das Bild wird entfärbt und die Szene ein dutzendmal wiederholt. Ein Karamell brennt an. Slow-Mo Close-up auf Tim Mälzers Gesicht. Close-Up Kandidatin. Close-Up Tim Mälzer. Wiederholung, wie das Karamell anbrennt. Close-Up Tim Mälzer. „Na das war ja mal kacke“. Close-Up Kandidatin, die nach unten guckt. Ultra-Slow-Mo wie Tim Mälzer sich weg dreht. Und so weiter. Ewig. Im Prinzip passiert nichts, aber das nichts wird so aufgeblasen wie ein Drama von Shakespeare.

Und so geht es durch die ganze Sendung. Drama, Drama, Drama. Die Juroren geben ihre unqualifizierten Urteile in der Form „Das war wirklich knapp, am Ende war eine Fingerspitze Gewürz der Unterschied“ ab ohne wirklich auf die Vor- und Nachteile der Gerichte einzugehen. In zwei Runden werden zwei Kandidaten nach endlosen Pausen verabschiedet, bevor dann 2 Kandidaten aus Mälzers Team ins Finale der Finale gehen und ein Menü auf Löffeln kochen müssen. Ein Vorspeiselöffel, ein Hauptspeiselöffel und ein Dessertlöffel. Die Löffelqualität entscheidet dann darüber, wer die 100 000 Euro und einen Opel Dingsda bekommt, wie die Moderatorin nicht müde wird anzukündigen. Die ganze Show ist endloses Product Placement, wenn die nichtssagenden Kommentare der Köche aufgenommen werden, geschieht das vor einem Regal aus den neuesten Küchenmaschinen wie im Elektromarkt. Opel wird gefühlte tausend mal genannt. „Unbeabsichtigt“ stehen Bodum-Geräte im Vordergrund, mit dem Schriftzug in Richtung Kamera gedreht.

"Was machen wir hier eigentlich?" *Schulterzucken*

Erste Selbstzweifel

Und so schaukelt sich die Dramaturgie der Nichtigkeiten hoch bis zur letzten Runde, die Juroren sitzen an einer Bank wie bei Deutschland sucht den Supertalentstarkochpopstarheini und sagt nichtssagende Sachen wie „Oh ja, das hier ist wirklich das Finale“ und „Ich bin überrascht, ich sage jetzt aber nicht, in welche Richtung“. Die beiden Kandidaten warten in Stahlkabinen von 1×1 Metern auf ihr Schicksal, dann werden Sterne vergeben und die kreischende Felicitas gewinnt eine hässliche Löffeltrophäe, 100 000 Euro und einen Opel, Opel, Opel, OPEL, OPPEEEELLL!!!!!!EINSELF

Dann noch mal eine Rückblende auf die anderen, die da durch mussten, die Köche beglückwünschen sich selbst für ihre Großartigkeit, Abspann und dramatische Ansage: „DAS WAR DIE GRÖSSTE KOCHSHOW DEUTSCHLANDS, DER WELT, JA DES UNIVERSUMS! DIE ALLERBESTESTE KÖCHIN DIE ES ÜBERHAUPT GEBEN KANN HAT GEWONNEN BEI SAT EINS!!! DAS IST ALLES SO UNFASSBAR SPANNEND!!!“

Ich hab dann dankend abgeschaltet. Überhaupt konnte man das Elend nur durch großzügiges Überspringen von Passagen ertragen. Diese Show ist alles, was im Deutschen Fernsehen falsch ist. Angefangen bei den Studios, dem Licht, über die immer gleichen Kandidaten aus gleichmäßig verteilten sozialen Schichten bis hin zu den selbstverliebten und nutzlosen Experten oder Köchen. Jede Einblendung hat einen Sterneneffekt, alles ist bombastisch dramatisch wichtig. Es gibt genau ein Schema für solche Sendungen in Deutschland, und das wird gnadenlos über alles drüber gezogen, was irgendwo in die falsche Richtung guckt. Sänger, Talente, Köche, Bäcker, alle werden nach dem gleichen Prinzip gekürt, die Dramaturgie ist vorbestimmt, die Gewinner sowieso. Diese Sendungen sind eine Beleidigung der Zuschauer.

Und zu meinem Schrecken musste ich lernen, dass sogar meine Lieblingsbäckerreihe „The Great Britisch Bake Off“ in Deutschland misshandelt wurde. Ich wusste bereits von schlechten Adaptionen aus Irland und Australien, aber das Ungetüm aus Deutschland, „Das Große Krabbeln Backen“, ist mir glücklicherweise lange verborgen geblieben. Eben schaute ich kurz in das Finale. Und siehe da: Genau die gleiche Aufmache wie „The Taste“. Drama, uninteressante Figuren, das Backen ist zweitrangig und die Juroren feiern sich selber. Im direkten Vergleich zum Original fällt auf, dass sogar das Licht in Deutschland schlechter gesetzt ist. Während die Briten in unaufgeregtem Ton davon berichten, wie ein Haufen Hobbybäcker Woche für Woche zeigen, was sie können, geht es hier nicht ohne Drama ab, und die Ergebnisse sehen miserabel aus.

Deutschland ist ein ganz hartes Pflaster für Fernsehshows. Wir haben zweieinhalb Konzepte, eins für Casting, eins für Quizze und ein halbes für den Rest, und das wird gnadenlos durchgezogen. Überall. Immer. Und die Leute lieben das.

Ein befreundetes Pärchen aus Australien erzählte mir neulich, dass sie sich endlich einen Fernseher angeschafft haben, neugierig auf das deutsche Programm. Keine Woche später gaben sie zu, einen großen Fehler gemacht zu haben. „It’s all shit!“. Genau.