Nieder mit der Resilienz

A story (in German) about how the misleading reliance on resilience doesn't solve any problem.
Manchmal hat man so Tage, da geht einem ein zufälliger Social Media Post nicht aus dem Kopf und je mehr der im Kopf hin und her donzt und Sachen umwirft, umso mehr fällt einem auf, wie sehr dieser Post symptomatisch für etwas viel größeres steht.
Neulich war so ein Tag.
Der Post selbst stammt von Quarks und Co, dem Wissenschaftsformat des WDR, das ich sehr schätze. Kurz zusammengefasst: in dem animierten Reel wächst einem heterosexuellen Paar die Kindererziehung über den Kopf. Zu viel Stress. Alles doof. Doch zum Glück haben die Wissenschaftsredakteure aus Westdeutschland in wissenschaftlichen Studien die Lösung gefunden: Therapie!
Und siehe da: Mit Therapie lernen die Eltern, an einem Strang zu ziehen, durchzuatmen und sich Hilfe zu holen. Alles gut im Haus, Kinder glücklich, Stresshormone runter, Friede, Freude, gemeinsam gebackener Eierkuchen.
Was ist nun mein Problem?
Fangen wir mit einer Reihe von Kleinigkeiten an. Hilfe holen zum Beispiel. Ein einfaches Konzept für die Menschen, deren Eltern und erweiterte Familie in der selben Stadt leben, gesund sind und selbst Zeit und Lust haben, zu helfen. Wohl denen, die sich nicht mit dem Vater verkracht haben, deren Mutter nicht krank oder verstorben ist oder deren Geschwister nicht selbst am Ende ihrer Kräfte sind1.
Dann die Therapie selbst. Ich möchte hier nichts schlechtes über das Konzept Therapie an sich sagen, ich bräuchte vermutlich selbst eine, ich halte Therapien für grundsätzlich sinnvoll. Therapieplätze lassen sich allerdings nicht buchen wie ein Friseurtermin. Es kann da schon mal zu dem ein oder anderen Jahr Wartezeit kommen. Aber, so sagen die Redakteure in den Kommentaren, wenn man doch eine klinische Depression oder diagnostizierten Burnout hat, dann bezahlt und organisiert einem das ja die Krankenkasse. An dieser Stelle dürfen all diejenigen mal lachen, die selbst eine Diagnose für mentale (Un)Gesundheit gesucht haben. Ha. Ha. Ha.
Auf Diagnosetermine wartet man Monate, eine Diagnose zu stellen dauert Wochen, häufig muss man privat zahlen, um überhaupt eine zu bekommen – kurz: ärztliche Diagnosen brauchen noch mehr von der Energie, die gestresste Eltern nicht haben. Super Tipp, also.
Quarks empfiehlt also eine kaum verfügbare Lösung für ein verbreitetes Problem. Macht mich das so wütend?
Oh nein.
nein, nein, nein.
Das ist nur der Anfang.
So richtig rumorte es in mir, als mir auffiel, was Quarks2 alles nicht sagt. Woher der Stress beispielsweise kommt.
Eltern sind gestresst, weil sie immer mehr arbeiten müssen, nur um die Rendite der Vermieter3 zu bezahlen. Denn die Vermieter sind ja klug. Sie haben gemerkt, dass “Frauen können jetzt auch arbeiten” auch bedeutet, dass nun zwei Personen in einer stereotypen Beziehung Geld verdienen können. Und so kommt es, dass bei immer mehr Paaren das Gehalt des einen Partners fast vollständig die Rendite des Vermieters bezahlt. Dazu kommen noch etliche weitere Effekte. Partner:innen bleiben in toxischen Beziehungen, weil sie keine Wohnung mehr finden. Kitas suchen verzweifelt im Viertel nach Kindern und müssen schließen, weil die hohen Renditen für Vermieter die Familien aus der Stadt drängen. Menschen bleiben in ausbeuterischer Arbeit, weil sie sonst neben ihrem Job auch ihr Dach über dem Kopf verlieren – denn von ALG I oder Bürgergeld lässt sich keine Vermieterrendite bezahlen.
Eltern sind gestresst, weil Erziehung zunehmend komplexer wird. Kinder sollen in die Ganztagsschule, damit die Eltern beide für den Vermieter arbeiten können4. Weil die Schule aber keine Ressourcen dafür hat, soll Sport und Kultur als Hobby bitte in der Freizeit von 16:30 bis 18:00 stattfinden. Aber nicht die Hausaufgaben vergessen! Und die Projektarbeiten! Am besten, die Eltern lernen gleich mit, egal welchen Bildungshintergrund oder welches Interesse sie haben. Aber bloß nicht zu viel helikoptern und die Hausaufgaben übernehmen, die Kinder sollen das selbst können. Am besten sie lernen dabei auch noch digital, aber bloß nicht am Bildschirm. Schul-iPads sind ok, aber wenn ein Smartphone auf dem Schulgelände entdeckt wird, gibt es solange Tadel bis sich die Schuldigen melden. Eltern sollen empathisch, verständnisvoll und ruhig sein, während ihnen gleichzeitig Schulen und Behörden zu jedem Zeitpunkt empathielos, ohne Verständnis und mit drängenden Deadlines begegnen5.
Eltern sind gestresst, weil die Politik nichts für sie tut. Die Rolle der Eltern ist es, die Rente6 für die Babyboomer zu erarbeiten und gleichzeitig die Rentenzahler fürs eigene Alter heranzuziehen. Und wenn Eltern dann an ihre Rente denken, dann müssen sie sich selbst mit 70 vorstellen. Natürlich weiterhin arbeitend, als Aktivrentner:in. Zusätzlich sollen Eltern wie alle anderen bitte auch für sich selbst vorsorgen, denn wahrscheinlich wird das mit der staatlichen Rente ja eh nix. Als Belohnung für ein Leben voller Stress winkt die Altersarmut.
Dafür gibt es im hier und jetzt auch nicht viel zu holen7. Um wichtige Projekte wie Aufrüstung oder Autobahnverlängerungen zu finanzieren, streichen Politiker:innen die Förderung für Jugendzentren, Schwimmbäder, Freizeitangebote, Theater, Museen und Bildungseinrichtungen. Schulen zerbröseln, von Einschulung bis Abitur ist jede Schulveranstaltung geprägt von “Liebe Eltern, unser Förderverein sammelt auch heute wieder Geld, damit wir im nächsten Jahr vielleicht etwas Klopapier haben.” Eltern (und alle anderen) sollen bald 12 Stunden am Tag arbeiten. Und das Bürgergeld wird nicht nur von der SPD nicht erhöht, sondern von der CDU ganz in Frage gestellt.
Nur bei einer Sache sind Politiker:innen an den Kindern der Eltern interessiert: die Bundeswehr braucht dringend Rekruten. Eine tolle Aussicht für Eltern, die ihre Kinder trotz aller Widrigkeiten bis zur Volljährigkeit großgezogen haben. Gestählt aus dem kaputten Schulsystem rein in den Schützengraben fürs Vaterland8.
Stört es mich also, dass Quarks die Vielfalt der Belastung nicht in allen Farben geschildert hat?
Nein. Was mich wirklich anfrisst, ist die wissentliche Ignoranz gegenüber der großen Zusammenhänge.
In ihrem Reel unterschlagen die Redakteur:innen die strukturelle Form der Überlastung von Eltern und geben ihnen gleichzeitig die Verantwortung für die individuelle Problemlösung mittels Therapie. Besser gesagt, eine Problemscheinlösung, denn egal wie durchtherapiert ein Elternteil ist, am Ende des Monats will doch der Vermieter seine Rendite, der Chef seine Ausbeutung und die Politik ihre Gefreiten. Die strukturelle Überlastung bleibt bestehen.
Damit ist Quarks natürlich nicht alleine, Resilienz heißt das Buzzword der Stunde. Resilient ist, wer sich gegen widrige Umstände behauptet. Resilient ist der Lederhandschuh im Umgang mit dornigen Chancen.
Während ein dickes Fell sicherlich hier und da hilfreich ist, so ist es eine Reaktion auf ein Problem, nicht eine Lösung des Problems. Wenn mir ein Hund jeden Tag vor die Haustüre kackt, ist es resilient den Besen mit der Schaufel neben die Tür zu stellen. Dennoch muss ich jeden Morgen die Kacke wegputzen. Die Kacke verschwindet erst nach einer Konfrontation mit dem Hundebesitzer dauerhaft.
Resilienz ist vor allem für diejenigen ein Vorteil, gegen die Menschen Resilienz entwickeln müssen.
Ich habe einige Jahre in der Forschung arbeiten dürfen. Wenn dort toxische Führungskräfte Generationen von Wissenschaftler:innen traumatisieren, dann ist es für eine Institution unter Kontrolle dieser Führungskräfte einfacher, Resilienz-Workshops anzubieten als die toxischen Kolleg:innen loszuwerden. Frauen lernen in eigenen Seminaren, wie sie mit dem grassierenden Sexismus umgehen, Immigranten wie sie rassistische Kommentare diplomatisch umdeuten und dennoch ihre Forschung abschließen können. Wer eine schreiende Professorin oder einen manipulativen Gruppenleiter nicht aushält, ist vielleicht einfach nicht für die Forschung gemacht. Nur die Harten kommen in den Garten des Elfenbeinturms.
Was tatsächlich helfen würde, wäre ein anderer Umgang mit toxischem Verhalten, ein Umgang, bei dem nicht Untergebene sondern Führungskräfte um ihre Karriere fürchten müssen. Kein Resilienztraining sondern verpflichtende Workshops für Führungskräfte und konkrete Konsequenzen für Fehlverhalten. Diese Änderung des Status Quo ist für viele leitende Forscher nicht vorstellbar. So hat eine Person mit leitender Position in der Max-Planck-Gesellschaft uns Doktoranden einmal ausführlich erklärt, dass das bestehende System so schon seine Richtigkeit habe.
Auch im Kampf gegen die Klimakrise ist die Individualisierung von Verantwortung ein ständiger Gegner. Als die Ölkonzerne Ende der 1990er langsam nicht mehr abstreiten konnten, dass CO2-Konzentration und Klimaerhitzung was miteinander zu tun haben, hatte BP eine geniale Idee. Nicht sie müssen ihr Geschäft ändern, die Menschen müssen mal Verantwortung übernehmen. So entstand der CO2-Fußabdruck, grüngewaschen, individuell verantwortet und die perfekte Ablenkung von klimaschädlichen Strukturen. Wer damit beschäftigt ist, seinen Müll zu trennen und jeden gefahrenen Kilometer in CO2 umzurechnen, hat keine Zeit darüber nachzudenken, dass man einzelne Hitzewellen konkret den Emissionen von bestimmten Konzernen zuordnen kann9. Wozu Wirtschaft umgestalten, wenn wir doch alle selbst an der Klimakrise Schuld sind10.
In der Klimakrise, in der Arbeitswelt und bei der Überlastung von Eltern gibt es Menschen mit Namen und Adressen, die dafür verantwortlich sind. Manche tragen historische Verantwortung, manche haben aktuell die Verantwortung, gerade jetzt etwas zu ändern. Indem wir verschleiern, wo strukturelle Missstände herrschen, schützen wir diese Menschen. Wir geben ihnen glaubhafte Abstreitbarkeit, wenn wir die Lösung nicht in der Veränderung der Strukturen sondern in der Änderung der Reaktion auf diese suchen.
Während die Verantwortlichen durch das Narrativ der individualisierten Verantwortung geschützt werden, so werden die Leidtragenden dadurch weiter geschädigt. Erstens behandeln sie nur Symptome und nicht Ursachen, und zweitens geben sie sich selbst die Schuld, wenn die individualisierte Lösung die strukturellen Probleme gar nicht löst. Der Hund kackt weiter vor die Tür, obwohl ich doch einen Besen gekauft habe.
Deswegen bin ich wütend auf das Reel von Quarks. Es ist ein Stellvertreter für die Social Media Posts, Medienberichte und Politiker:innen, die immer und immer wieder das gleiche, falsche Narrativ bedienen: Jede:r einzelne von uns ist gleich verantwortlich für das Schicksal der Welt11. Wenn wir nur unser individuelles Verhalten ändern, dann wird alles gut. So ein Unfug.
Und zum Schluss mein Vorschlag, wie man die gleiche Aussage (Es gibt Studien, die zeigen, dass Therapie dabei hilft, Stress von Eltern zu reduzieren) korrekt erzählen könnte:
“So entkommst du dem Eltern-Burnout: die strukturelle Überlastung durch Beruf, Politik, Kapitalismus und Schule führt bei immer mehr Eltern zu einem Burnout. Es ist wichtig anzuerkennen, dass diese Überlastung kein persönliches Versagen, sondern Konsequenz von gesellschaftlichen Entscheidungen ist. Da sich diese Umstände nicht einfach von Einzelnen ändern lassen, ist es nötig, sich zuerst selbst zu schützen. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass eine gezielte Therapie dabei helfen kann, mit dieser Belastung umzugehen. Eltern können so besser für ihre Kinder da sein und mit neuer Kraft Räume schaffen, in denen die Belastung geringer ist – zum Beispiel in lokalen Communities.”
Einer gerade veröffentlichten Langzeitstudie zu Folge sind viele Deutsche “krisenmüde”. Zwar sind Ängste zurückgegangen, das liegt aber an Resignation gegenüber der kaum zu ändernden Verhältnisse und nicht daran, dass es weniger Dinge gibt, vor denen sich Menschen sorgen. Wenn man also einen Menschen um Hilfe bittet, stehen die Chancen gut, dass dieser eher selbst Hilfe nötig hätte. ↩︎
Tut mir ein bisschen leid, das Team so direkt zu benennen, aber wer sowas postet bekommt auch den Credit dafür. ↩︎
Ich weigere mich übrigens, dieses Konstrukt als Miete zu bezeichnen, denn dieser Begriff verschleiert die Realität. Wir zahlen nicht Miete, wir liefern die berechnete und erwartete Rendite für die Investition des Vermieters. Und es steigt nicht die Miete, die Vermieter steigern ihre Rendite. ↩︎
Das Thema Ganztagsschule ist komplex, es geht hier u. a. natürlich auch um Chancengleichheit der Schüler:innen und der Eltern, die sich dank längerer Betreuung die Care-Arbeit fairer teilen können. Das Konzept Ganztagsschule ist aber auch eine willkommene Möglichkeit, mehr Zeit für Lohnarbeit zu liefern. ↩︎
Die Empathielosigkeit trifft übrigens auch die Lehrer:innen. Wer sich auch nur mal kurz mit Lehrer:innen unterhält, ist überrascht, dass überhaupt irgendjemand zu diesen Bedingungen arbeiten geht. ↩︎
Rente lol. ↩︎
Hier sind die sehr ernüchternden Folgen 441 und 442 der Lage der Nation zu empfehlen. Besonders der Aspekt zur Hoffnungslosigkeit der nachwachsenden Generation ist augenöffnend. ↩︎
Beim Begriff “Vaterland” denke ich heute an einen “Vater” von der traditionell abwesenden und emotionslosen Sorte. Einer, der jeden Geburtstag vergisst aber noch ein Bier aus dem Kühlschrank verlangt. ↩︎
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wir können berechnen, dass die Emissionen von BP mehr als 20 % der Hitzewellen 10.000 mal wahrscheinlicher gemacht haben aber streiten noch darüber, ob man diese Konzerne auch tatsächlich haftbar machen kann. Es lag nie an mangelnden Fakten, es lag immer am mangelnden Willen ↩︎
Die einzigen, deren individuelles Verhalten direkt große Auswirkungen auf das Klima hat, sind die Superreichen, die alle 90 Minuten so viel CO2-Emissionen verursachen, wie ein durchschnittlicher Mensch in einem Jahr. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir individuell machen können, was wir wollen. Es bedeutet aber auch, dass wir unsere begrenzte Energie für politische Veränderung und gegen Superreiche einsetzen sollten, anstatt uns über den eigenen Fußabdruck den Kopf zu zerbrechen. ↩︎
Eine Klimaschutzorganisation schrob mal sinngemäß auf ihrer Website “Für die Pariser Klimaziele fehlen 700 Milliarden Euro. Leiste jetzt deinen Teil und spende für Klimaschutz!” Ich denke da oft dran. ↩︎